Gastbetrag von Dr. Melanie Horstmann

Liebe Kollegen, Partner und Freunde,

die aktuelle Situation bringt unser Leben gerade ziemlich aus dem Gleichgewicht.  

Persönlich stand vor drei Wochen neben den anstehenden Seminaren und Workshops, auch die Eröffnung meiner neuen Büroräume in Bünde im Mittelpunkt. Herzlichen Dank an dieser Stelle noch einmal für die vielen guten Wünsche, die mich von Gästen aus der Ferne an diesem Tag, kurz vor dem Stillstand des öffentlichen Lebens, erreicht haben. Herzlichen Dank auch an alle Gäste, die noch kommen konnten. Dieser Tag war für mich persönlich ein ganz besonderer Meilenstein!

Heute stehen bei uns allen ganz andere Themen auf der Tagesordnung: die familiäre Organisation mit Homeoffice und Homeschooling, finanzielle Belastungen vielleicht auch existentielle Sorgen und der Umgang mit der allgemeinen Ungewissheit wie es weiter geht.

Die Ruhe zu bewahren, das Beste daraus zu machen usw. fällt vielen Menschen gerade schwer. Die Sorgen und Gedanken kreisen und beeinflussen Schlaf, Wohlbefinden und konstruktives Denken. Dies möchte ich zum Anlass für meine Artikelserie nehmen, in der ich aktuelle Themen zu dieser besonderen Situation teilen möchte.

Hier meine Gedanken zum ersten Thema dieser Serie.

Was kann ich in dieser Krise für den Zusammenhalt in meinem Team tun?

In den letzten zwei Wochen galt es viele schwierige Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen. Haben Sie dabei auch zeitweise das Gefühl, dass Sie den Kontakt zu Ihrem Team verloren haben? Ihnen fehlt einfach die Zeit, der persönliche Kontakt untereinander fehlt, Ihr Team muss Einschnitte verkraften – dies belastet die Beziehungen, auch wenn bei den meisten Mitarbeitern Verständnis herrscht.

In diesem Artikel fasse ich zusammen, was die Krise in uns allen und auch in Ihrem Team auslöst und wie Sie Ihr Team trotz des räumlichen Abstands zusammenhalten können. Einige Ideen stammen dabei von anderen kreativen Teams, die mir erwähnenswert schienen.

Was löst eine Krise in uns aus?

Krisen zeichnen sich durch Ereignisse mit einem ungewissen Ausgang und dem Charakter des Bedrohlichen, des möglichen Verlustes aus. Gewohnte Wert- und Zielvorstellungen werden in Frage gestellt, Entscheidungen und Neuanpassung sind gefordert (Reiter & Strotzka, 1977). Diese Herausforderungen können Gefühle der Hilflosigkeit erzeugen und führen oft zur Veränderung des Verhaltens und Erlebens – aber darin liegt auch die große Chance zur Neuorientierung.

Für viele Menschen ist das zentrale Thema in der Krise ein großes Ohnmachtsgefühl und eine starke Verunsicherung. Halt und Orientierung gehen verloren.

Krisen verlaufen in verschiedenen Phasen:

  1. Schock
  2. Reaktion
  3. Bearbeitung
  4. Neuorientierung oder Chronifizierung

Hier kommen unsere eigenen Bewältigungsstrategien ins Spiel. Jeder hat andere Ressourcen auf die er zurückgreifen kann, andere Strategien die er anwendet. Zu unseren zentralen Säulen zählen unser soziales Netz bzw. unsere sozialen Kontakte, finanzielle Sicherheit,  unsere Arbeit und Leistung aber auch unsere Werte und der übergeordnete Sinn, den wir in unserem Tun erleben. 

Für viele Menschen ist aktuell die soziale Unterstützung eine instabile Säule oder diese fühlt sich momentan einfach sehr eingeschränkt an. Der soziale Kontakt ist zum Glück auch telefonisch oder über Facetime oder Skype möglich. Unterstützen Sie Ihr Team darin und greifen Sie selbst öfter zum Hörer, nicht jeder gibt das Gefühl der Einsamkeit gerne zu und schafft es selbst Initiative zu zeigen.

Wir alle sind Meister im Planen und Organisieren – das Gefühl der Kontrolle über das eigene Tun ist für die meisten Menschen essentiell. Aktuell ist die Frage nach dem Ende der Krise völlig offen, dies scheint eine der größten Herausforderungen für viele Menschen zu sein. Entscheidend ist es, die Schockphase schnell hinter sich zu lassen und ins Handeln zu kommen. Im Kleinen beginnt dies mit einer Strukturierung des Tagesablaufes im Homeoffice, mit einer zeitlichen und (falls möglich) räumlichen Abgrenzung von Beruflichem und Privatem.

Jedes Teammitglied, jeder Geschäftspartner und Kunde durchläuft die Phasen der Krise in unterschiedlichem Tempo. Bedenken Sie z.B. dass das rationale Denken in der Schockphase blockiert ist, wenn Sie einen verzweifelten Teamkollegen am Telefon haben. Möglicherweise ist die Angst gerade sehr groß und die Arbeitsleistung infolge dessen reduziert. Hier gilt es den Druck zu reduzieren, soziale Unterstützung zu geben und zuzuhören. Nehmen Sie sich Zeit für die Sorgen Ihres Teams, spielen Sie diese nicht herunter. Erst nach dem Umgang mit den Emotionen, dem Verständnis, kann Ihr Gegenüber wieder konstruktiv werden.

In der Reaktionsphase können Sie gemeinsam kreativ werden, den Blick nach vorne richten. Vertrauen Sie auf die Stärken in Ihrem Team, rücken Sie zusammen, beziehen Sie alle ein – hier liegt wohl die berühmte Chance in der Krise.

Wie halten Sie also Ihr Team zusammen?

Kontakt halten, Informationen geben, transparent kommunizieren

1. Persönliche Gespräche

Nehmen Sie sich Zeit für ein Gespräch, mit jedem Einzelnen. Für Sie ist dies in diesen Zeiten sicher eine besondere Herausforderung. Ein persönlicher Anruf drückt jedoch Ihre ganz persönliche Wertschätzung aus und wird sich in dieser Zeit besonders einprägen. Sie stärken das Vertrauen und die Bindung untereinander und können auf die aktuelle Situation des Mitarbeiters eingehen. Legen Sie den Fokus in diesem Gespräch, natürlich neben Ihren Anliegen, bewusst auf den Mitarbeiter.

 

2. Gemeinsame Online-Pause

Einsamkeit spielt für viele aktuell eine große Rolle. Der Austausch mit den Kollegen fehlt, man sieht nicht wie es den anderen so geht. Verabreden Sie sich doch zu einer gemeinsamen Kaffeepause über Skype, Zoom, Teams, Jitsi Meet etc. Aktuell gibt es viele kostenfreie Tools.

 

3. Seien Sie transparent und authentisch

Teilen Sie Ihre Sorgen, drücken Sie ruhig aus, dass Sie die Situation auch belastet und Sie nicht für alles eine Lösung parat haben. Dadurch entlasten Sie sich selbst und auch Ihr Team. Dabei gilt es, die Balance zwischen ausreichender Offenheit und stabiler Führung zu finden.

Überlegen Sie sich einen passenden Rhythmus um Ihr Team regelmäßig auf den neuesten Stand zu bringen.

 

In der nächsten Woche erscheint der nächste Artikel der aktuellen Serie. Schreiben Sie mir gerne was Sie aktuell beschäftigt. Was belastet Sie an der aktuellen Situation besonders?

Ihre Dr. Melanie Horstmann

Dr. Melanie Horstmann
Bünde

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Als Expertin für Arbeits- und Gesundheitspsychologie verbinde ich für Unternehmen, Organisationen, Behörden und Selbstständige die Schnittstellen zwischen psychischer Gesundheit, Motivation und Mitarbeiterbindung – wissenschaftlich fundiert, praxisnah und positiv!